Predigt vom 9. Februar 1936 in Xanten

Soeben habe ich in eurem herrlichen ehrwürdigen Dom einem neuen Altar die kirchliche Weihe gegeben; in der Tiefe unter dem Chorraum, in einem engen Gelass. Warum das, da doch euer Dom schon so reich ist an Altären?

Ihr wisst es. Die Forschungen der letzten Jahre haben den Beweis erbracht, dass dort unten eine heilige, besonders ehrwürdige Stätte ist. Sie haben nicht nur die Tradition bestätigt, dass vor der Errichtung des jetzigen herrlichen Domes an dieser Stelle schon mehrere Kirchen gestanden haben, deren älteste noch bis in die Märtyrerzeit, das vierte christliche Jahrhundert zurückreicht. Sie haben auch neue Zeugnisse gebracht, dass hier heilige Märtyrer, Blutzeugen Christi beigesetzt worden sind und der Auferstehung harren.

Wir glauben an die Auferstehung des Fleisches. Christi Wort bürgt dafür: Es kommt die Stunde, da alle, die in den Gräbern ruhen, die Stimme des Sohnes Gottes hören werden. Wer nicht mehr an die Selbständigkeit der geistigen Einzelseele, an ihr Fortleben nach dem leiblichen Tode, ihre einstige Wiedervereinigung mit dem Leibe und an das ewige Leben glaubt, der ist nicht mehr Christ, der hat kein positives Christentum.

Wir glauben daran, weil wir Christus, der Wahrheit glauben. Weil wir am Glauben der Apostel und unserer christlichen Vorfahren festhalten. Zeugnis unseres Glaubens ist die ganze Geschichte eurer Stadt, wie sie in den steinernen Denkmalen ihres ragenden Domes zu euch spricht, wie sie sich kundtut in den Steinen, die unter ihm gefunden worden sind.

Im Bekenntnis dieses Glaubens haben St. Viktor und seine Gefährten, haben wohl auch jene Männer, deren Gebeine wir jetzt gefunden haben, ihr Leben eingesetzt, ihr Blut vergossen. Ihre Grabstätte war augenscheinlich nicht mehr geöffnet, überhaupt von Menschenhand nicht berührt worden, seitdem der hölzerne Sarg, in dem beide Leichen auffallenderweise gemeinsam vor etwa sechzehn Jahrhunderten beigesetzt worden sind, der Erde übergeben ward. Darum konnte nach dem Zeugnis hochangesehener fachkundiger Gelehrter der Universität Bonn "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" festgestellt werden, dass die beiden Männer eines gewaltsamen Todes gestorben sind, dass die vorhandenen Verletzungen und Zertrümmerungen der Gliedmaßen zum großen Teil auf Verwundungen und Martern zurückzuführen sind, die ihnen vor dem Tode zugefügt worden sind, und die ihren Tod herbeigeführt haben.

Über diesem uralten, neu aufgefundenen Doppelgrab tief unter dem Fußboden des jetzigen Domes hat eure Liebe einen Altar errichtet, dem ich soeben die kirchliche Weihe gegeben habe, auf dem soeben zum ersten Male das Opfer des neuen Bundes gefeiert worden ist. Wir haben es dargebracht zur Verherrlichung Gottes, zum Dank für Gottes Wohltaten, zur Sühne für die Sünden, zur Erflehung von Gottes Segen für uns, für eure Stadt, für unser Bistum, für unser deutsches Volk und Vaterland. Wir haben es auch dargebracht zum Andenken und zur Verehrung der lieben Heiligen, besonders jener, die hier an dieser Stelle ihre letzte irdische Ruhestätte gefunden haben und hier der glorreichen Auferstehung entgegenschlummern.

Der glorreichen Auferstehung. "Es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern liegen, die Stimme des Sohnes Gottes hören werden; und es werden hervorgehen, die Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens; die aber Böses getan haben, zur Auferstehung des Gerichtes" (Joh. 5, 28f.).

Werden jene beiden Männer auferstehen zur Auferstehung des Lebens?

Wenn wir bei ihren Martern und Qualen zugegen gewesen wären und bei ihrem furchtbaren Sterben und hätten ihre Richter fragen können und die Schergen, die ihnen mit Eisenkeulen die Knochen zerbrachen und vielleicht schließlich mit einem furchtbaren Hieb den Todesstreich versetzten, ob diese Männer Gutes getan haben oder Böses, so würden wir die Antwort erhalten, dass sie auf Befehl des Kaisers sterben mussten, weil sie hartnäckig sich weigerten, von Menschen erdachte, vom Staat anerkannte Gottheiten zu verehren und anzubeten; weil sie geständig waren, nur einen überweltlichen, alle Völker in väterlicher Liebe beherrschenden Gott anzuerkennen.

Vielleicht fürchtete man, dass diese Männer, wohl wie St. Viktor Soldaten des römischen Heeres, das hier die Rheingrenze verteidigen sollte, gegen die von Osten herandrängenden Germanen, nicht hinreichend zuverlässige Kämpfer seien gegen die deutschen Feinde, da sie in diesen auch Ebenbilder Gottes, Kinder des gemeinsamen Himmelsvaters sahen. Törichte Furcht! Denn die echten Christen sind immer noch die treuesten Bürger, die zuverlässigsten Beamten, auch die tapfersten Soldaten ihres Volkes gewesen. Ihre Treue, ihre Zuverlässigkeit, ihre Tapferkeit ist ja nicht nur gegründet auf natürliche gute Anlagen, auf den so schwachen guten Willen, auf die Rücksicht, vor den Menschen die Ehre zu bewahren, irdischer Strafe zu entgehen, vielleicht Lob, Anerkennung, Belohnung von den Menschen zu erhalten. Echte Christen sind sich bewusst, dass treue Erfüllung der Bürgerpflicht, der Beamtenpflicht, der Soldatenpflicht Tugendübung ist, die Gott, der höchste Herr, unbedingt von ihnen fordert, auch wenn kein Mensch es sieht, anerkennt und belohnt, die Gott in seiner Güte, aber auch mit seiner Gnadenhilfe unterstützt. Über den Lohn, die Anerkennung, den Nachruhm der Menschen, die gewiss achtbare irdische Güter sind, sieht der Christ hinaus, weil er weiß, dass das alles klein und gering und unzuverlässig und endlich ist im Vergleich mit dem hundertfältigen Lohn, der Ehre und Herrlichkeit, die der allmächtige Gott dem verleiht, der nach Christi Wort getreu erfunden ward über Weniges.

So dachten, so handelten die christlichen Bekenner und Märtyrer. Ihr wisst, dass gerade der tapfere Soldatenstand der katholischen Kirche viele Märtyrer geschenkt hat: den hl. Theodor, den hl. Georg, den hl. Sebastian, die Heiligen Mauritius, Kassius und Florentinus, Gereon und euern heiligen Viktor, mit denen nach alter Überlieferung sämtliche Offiziere und Mannschaften ihrer Legion den Martertod für Christus erduldet haben. Sie haben sich von ihren heidnischen Kameraden niederhauen lassen, ohne sich zu wehren und Widerstand zu leisten. Sie haben das Schwert, das sie in heißen Schlachten für ihren Kaiser und für ihr Vaterland heldenmütig geführt hatten, nicht gezogen gegen ihre Kameraden, die auf Befehl des Kaisers gleich wie Feinde über sie herfielen, um sie niederzumetzeln. Sie sahen in ihnen nicht Feinde, sondern irregeleitete Freunde. Sie kämpften nicht gegen den Kaiser, sondern sie gehorchten noch sterbend dem Kaiser. Denn der Kaiser befahl, entweder den Götzen opfern oder sterben. Da sie nicht opfern konnten, ohne zu sündigen, wählten sie das Sterben, um nicht zu sündigen. Ist das nicht Treue? Ist das nicht Heldenmut? Ist das nicht Tapferkeit im Dienste des Kaisers und im Dienste, Gottes bis zum Tode?

Christus unser Herr, der König der Könige und Herr der Herrscher, unser einstiger Richter und ewiger Vergelter hat sie heilig gesprochen, diese bis in den Tod getreuen Kämpfer. Denn er sagt: "Selig sind, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen, denn ihrer ist das Himmelreich." Ihrer ist das Himmelreich. Von der Marterbank, von der Hinrichtungsstelle, aus den Händen ihrer blutbefleckten Henker, in denen sie ihren vergänglichen und verstümmelten, entseelten Leichnam zurückließen, ist die Seele hinaufgestiegen, hinaufgenommen in den Himmel, ins ewige Reich des lebendigen Gottes. Am jüngsten Tage werden sie auch den zurückgelassenen Erdenstaub, der einmal Wohnstätte, Wirk- stätte, Leidensstätte ihrer Heldenseele war, ihren Leib, ihre Gebeine und Reliquien wieder in Besitz nehmen, denn auch diese sollen belohnt, verklärt, ewig beseligt werden. "Es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern liegen, die Stimme des Sohnes Gottes hören werden. Und es werden hervorgehen, die Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens."

Auch hier an dieser Stelle, in diesem Dom wird solches Wunder geschehen. Die hl. Märtyrer werden glorreich auferstehen. Das war ihr Glauben, ihre Zuversicht und ihre siegessichere Hoffnung in Qualen und Tod. Das war auch der Glaube der damaligen Christen, die dem Martertod in Ergriffenheit und freudigem Ernst beiwohnten, die nachher die blutigen, zerschlagenen, entstellten Oberreste sammelten, aufhoben und ehrfurchtsvoll in einem gemeinsamen Schrein bestatteten. Das war der Glaube der bald nachfolgenden christlichen Zeit, der christlich gewordenen Römer und erst recht eurer Vorfahren, der deutschen Franken, die sich hier niedergelassen und immer wieder Gotteshäuser, eine Kirche herrlicher als die andere, über diesen Märtyrergräbern errichtet haben. Darum nannten sie diesen Ort "Ad sanctos", "bei den Heiligen", Xanten. Hier hat man seit mehr als fünfzehn Jahrhunderten ohne Unterbrechung das hl. Messopfer dargebracht, die Erneuerung von Christi heiligstem im Gehorsam erduldeten Opfertod, von dem alles Martyrium, alle christliche Treue, Tapferkeit, Opfermut, Wert und Wirkung erhalten haben. An der Liebe Jesu Christi, der sich für uns hingegeben hat, an der Treue der Märtyrer, die sich für Christus hingegeben haben, haben alle Zeit hindurch eure Vorfahren an dieser Stelle sich zu Treue und Tapferkeit und Opfermut für Gott und die höchsten Güter begeistert und entflammt. Tut es ihnen nach!

Ja, tut es ihnen nach! Um eurer Seelen, um eurer Kinder, um unseres Volkes willen. Auch wir sind berufen und verpflichtet, durch treue Pflichterfüllung in Familie, Beruf, Gemeinde, durch Treue, die in Gottesfurcht und Gottesliebe begründet ist, wie es die hl. Märtyrer taten, Gott und dem Gottesreich auf Erden, den Mitmenschen, unserem Volk und Staate zu dienen. Wir sind ja bestimmt und auserwählt, das glorreiche Heer der Heiligen zu vermehren, einst im Himmel ihm anzugehören. Und wenn wir dabei von den Menschen misskannt und missachtet, verleumdet, geschmäht, ja verfolgt, gequält und getötet würden: "Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und verfolgen und lügenhaft alles Böse euch nachsagen um meinetwillen. Freut euch und frohlocket, denn euer Lohn ist groß im Himmel."

Ja, freut euch und frohlocket! Ihr wisst es, die Zeit ist da, wo nicht wenigen von uns solches Los zuteil wird. Wie wird die hl. Kirche, der Papst, die Bischöfe, die Priester, die Ordensleute, wie werden treue Kinder der Kirche in Deutschland öffentlich und ungestraft verunglimpft, verlästert und verhöhnt. Wie viele Katholiken, Priester und Laien sind in Zeitungen und Versammlungen angegriffen und beschimpft, aus Beruf und Stellung vertrieben und ohne Gerichtsurteil gefangen gesetzt und misshandelt worden. Der Leiter der bischöflichen Informationsstelle in Berlin, Domkapitular Dr. Banasch, schmachtet seit Monaten schon im Kerker und man hat seinen Auftraggebern, den Bischöfen nicht einmal mitgeteilt, wessen man ihn beschuldigt. Der von den Bischöfen bestellte Führer der katholischen Jungmännervereine Msgr. Wolker ist vor drei Tagen verhaftet, wie lange wird es dauern, bis er vor einem unabhängigen deutschen Gericht seine Unschuld beweisen kann. Es gibt in deutschen Landen frische Gräber, in denen die Asche solcher ruht, die das katholische Volk für Märtyrer des Glaubens hält, weil ihr Leben ihnen das Zeugnis treuester Pflichterfüllung für Gott und Vaterland, Volk und Kirche ausstellt, und das Dunkel, das über ihren Tod gebreitet ist, ängstlich gehütet wird. Und wie lastet vielfach schwerster Gewissensdruck auf Beamten und Angestellten, auf Eltern und Lehrern" die vor die Frage gestellt werden, zu wählen zwischen der Treue gegen Gott und ihrem christlichen Gewissen und dem Wohlgefallen und der Gunst derer, von denen ihre Stellung und gar ihr Lebensunterhalt abhängt!

Wundert euch nicht, wenn der gütige Gott Prüfungszeiten über uns kommen lässt. Unsere hl. Kirche ist die Kirche der Märtyrer. Die Antwort auf die Frage, wie es dahin kommen kann, gibt das Wort des Heilandes, der gesprochen hat: "Wenn die Welt euch hasst, so denket daran: mich hat sie vor euch gehasst. Wäret ihr von der Welt, so würde die Welt das Ihrige lieben. Weil ihr nicht von der Welt seid, sondern ich euch auserwählt habe von der Welt, darum hasst euch die

Welt. Denket an das Wort: Der Knecht ist nicht mehr als sein Herr. Wie sie mich verfolgt haben, so werden sie euch verfolgen" (Joh. 15, 18). "Es kommt die Stunde, wo jeder, der euch tötet, meint, Gott einen Dienst zu erweisen. Und dieses werden sie euch tun, weil sie den Vater nicht kennen und mich nicht kennen. Dieses habe ich euch gesagt, damit, wenn die Stunde kommt, ihr euch erinnert, dass ich es euch gesagt habe" (Joh. 16, 2).

Die Antwort auf diese Frage gibt uns auch der Opfertod, der Martertod, der Heldentod Jesu Christi, der dem weltlichen Richter sich gehorsam stellte und vor ihm anerkannte, dass die obrigkeitliche Gewalt von Gott stammt; und der dann für die Wahrheit, die er verkündete, für seinen Anspruch als Sohn Gottes und König der Schöpfung anerkannt zu werden, das Todesurteil, Schmach und Kerker und Geißel und Dornenkrone und endlich den Kreuzestod freiwillig angenommen hat. Sein Gedächtnis und die unblutige Erneuerung seines blutigen Opfertodes feiern wir in jeder heiligen Messe über den Reliquien hl. Märtyrer, die wie St. Stephanus durch ihr Sterben dem Dank abstatteten, der durch sein Sterben uns allen das Leben erworben hat. Seitdem ist das Kreuzeszeichen, früher ein Zeichen der Schmach, zum Zeichen des Sieges und Triumphes geworden; ja ein Unterpfand der Gnade Gottes und der Auserwählung zum Himmel. Denn das versichert uns der hl. Paulus: "Nur wenn wir mit ihm leiden, werden wir auch mit ihm verherrlicht werden" (Röm. 8, 17).

Gleich Christus, gleich den Aposteln, gleich den hl. Märtyrern sind wir gehorsam der Obrigkeit, treu unserem Volke, gewissenhaft im Beruf, in der Arbeit, in der Familie, in der Gemeinde, opferwillig bis zum Einsatz des Lebens, wie St. Viktor und alle hl. Soldaten, wie unsere tapferen Soldaten, die im Weltkrieg zu Tausenden ihr Leben für unser deutsches Vaterland eingesetzt und hingegeben haben. Aber wenn wir gleich jenen Heiligen vor die Frage gestellt werden, zu wählen zwischen irdischem Glück und Bekenntnis des Glaubens, zu wählen zwischen Götzendienst und Tod, dann wollen wir wie unsere tapferen Vorbilder mit Gottes Gnade feststehen im Glauben, dann wollen wir wie jene lieber in den Tod gehen als sündigen. Möge die heutige Feier und das Gedächtnis der hl. Glaubenshelden, deren Überreste dieses Gotteshaus umschließt, möge die Kraft des heiligen Kreuzesopfers, das wir gemeinsam jetzt andächtig in der hl. Messe mitfeiern, uns alle bestärken in dem heiligen Entschluss, damit an uns allen einst wahr werde, was Christus verheißen hat denen, die ihm nachfolgen auf dem glorreichen Kreuzeswege: "Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und verfolgen und lügenhaft alles Böse euch nachsagen, um meinetwillen. Freuet euch und frohlocket, denn euer Lohn wird groß sein im Himmel."

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